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Tag des Herrn

Foto: imago/Jochen Tack Wie lassen sich Ausgelassenheit und Frohsinn rechtfertigen, bei all den Kriegen, Hunger und Not auf der Welt? Daniel Bertram stammt aus dem Eichsfeld. Dort leben nicht nur überdurchschnittlich viele Katholiken, auch der Karneval spielt in der Gegend eine wichtige Rolle. Als wir im Frühjahr 2022 nach langer Pause aufgrund der Lockdowns endlich wieder Karneval feiern durften, begann der Krieg in der Ukraine; am „fetten Donnerstag“ (der Donnerstag vor Aschermittwoch), also kurz vor den traditionsreichen „Tollen Tagen“. Plötzlich brach sich eine Frage Bahn: Dürfen wir, unter diesem Umstand, am Wochenende Karneval feiern? Ja! Das war unsere Antwort. Kurzerhand haben wir unseren Karnevalsumzug in einen Friedensumzug umgetauft und haben zum ersten Mal in der Geschichte unseres Vereins Geld gesammelt und zwar für Caritas International, zweckgebunden für die Ukraine. Wir haben, wiederum erstmals, alle Straßen des Dorfes besucht, haben an allen Häusern geklingelt und hatten nichts außer einem umgebauten Einkaufswagen als Motivwagen, spitzen Zungen, Karnevalsmusik und Spendendosen. Frohsinn verbreiten – egal, wie die Stimmung ist Unsere Einsicht und unser „Ja“ waren keine diskussionslosen Selbstläufer. Als die Nachricht vom Krieg in unsere Vorbereitung platzte, waren wir zunächst betroffen. Und ratlos. Dann haben wir unsere Gedanken geteilt. Kritische Stimmen gaben zu bedenken, dass es vielleicht ein Zeichen mangelnder Pietät sei. In Nachbarorten wurden Umzüge deswegen abgesagt. Aber es gab auch andere Stimmen: Das sei unsere Möglichkeit, als Karnevalisten ein Zeichen zu setzten. Ist es nicht unsere Aufgabe, Frohsinn zu verbreiten, ganz gleich, wie die Stimmung ist? Was können wir tun? Erst zum Friedensgebet in die Kirche, dann zum Umzug auf die Straße! Im Nachhinein erkenne ich: In dem Moment, wo die positive Umdeutung stattfand – der Gedanke, nicht ohnmächtig stehen zu bleiben und die Nachrichten zu verfolgen, sondern selbst etwas tun zu können, die Chance etwas beizutragen – ja, in dem Moment schlug die Stimmung um. Nicht im Sinne einer Rechtfertigung, sondern einer Hoffnung. Nachdem wir uns selbst vergewissert hatten, sind wir auch den Umständen und anderen gegenüber selbstbewusst geworden. Dann passierte etwas, wie ich finde, Bemerkenswertes: Wir wurden ansteckend. Ansteckender als das Virus, das uns vorher zwei Jahre fesselte. Bürger meldeten sich: Was können wir tun? Wo kann ich spenden? Kommt ihr auch zu uns? Braucht ihr Hilfe? Die Presse meldete sich: Was passiert bei euch? Warum tut ihr das? Daniel Bertram lebt im Eichsfeld, studierte Theologie an der Universität Erfurt und promovierte dort auch 2016 am Lehrstuhl für Moraltheologie und Ethik. Er war ehrenamtlicher Bürgermeister in Berlingerode, inzwischen arbeitet er in der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Erfurt. Mit einem Mal waren wir Karnevalisten, die wir sonst selbstverständlich andere Institutionen und Personen auf der Bühne in die Mangel nahmen, selbst angefragt und aufgefordert, uns zu reflektieren. Warum und wofür machen wir das? Was ist unser Anliegen? Was ist unsere Botschaft? Oder anders (Karnevalismus und Pragmatismus sind, möchte ich behaupten, enge Freunde): Dürfen wir das? Warum haben wir das gemacht? Nun, um es konkret vorwegzunehmen: Uns ist (neu) bewusst geworden, dass wir den Karneval nicht „trotz“, sondern „wegen“ feiern. Was ich damit meine? Wir Karnevalisten sind keine weltfremden Spinner, die blind für die Probleme und Konflikte dieser Welt durch das Leben gehen und einmal im Jahr feiern, als gäbe es diese nicht. Uns ist – und das finde ich noch einmal wichtiger zu betonen – auch nicht egal, was in der Welt passiert. Wir legen nicht die Ohren an und denken, wenn wir nur laut genug „Helau“ rufen, wird schon alles gut – oder uns nicht betreffen. Nein! Ganz im Gegenteil. Wir sind uns sehr wohl bewusst, was und wieviel in unserem Ort, dem Land und der Welt schief läuft; wir sezieren es sogar bisweilen auf der Bühne. Aber wir haben entschieden, dass wir damit leben (müssen). Insofern ist Karneval nicht unsere Droge, die uns berauscht oder vergessen macht, sondern unsere Bewältigungsstrategie. Es ist unsere Art, damit umzugehen. Für mich stehen zwei Karnevalslieder stellvertretend für mein Verständnis der Narretei. Ein sehr altes, traditionsreiches und ein modernes. Das erste ist „Heile, heile Gänsje“ von Ernst Neger. Ein karnevalistisches Lied, entstanden in einer Zeit, in der Mainz nach dem Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche lag. Genau in dieser Situation, das muss man sich einmal vorstellen!, steht ein Mann zum Karneval auf der Bühne, der davon singt, dass alles wieder gut wird. Nicht trotz der katastrophalen Bedingungen, sondern wegen der Notwendigkeit, darauf zu reagieren. Das zweite Lied ist „Unser Stammbaum“ von den Bläck Fööss. Es handelt davon, dass wir alle, mit unterschiedlicher Herkunft und Biografie, gemeinsam im Karneval zusammenstehen. Nicht trotz dieser Unterschiede, sondern wegen ihnen ist der Karneval so bunt. Karneval lehrt uns doch, über unsere Eitelkeiten wie Schwächen, gesellschaftliche Stellung, Macht wie Unvermögen, hinwegzusehen. Wir leugnen Unterschiede, Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten nicht: Wir erklären sie aber im Karneval für nicht ausschlaggebend für das Zusammenleben! Ist Ihnen das zu pathetisch? Zeichne ich hier ein Ideal? Ist da die Hoffnung Mutter des Gedanken? Nichts wird besser, wenn man in Traurigkeit vereinsamt Bitte glauben Sie nicht, ich wäre nur weit genug weg vom Leid, um es ernst zu nehmen. Als im November 2023 unser Sohn plötzlich starb, dachte ich, nie wieder fröhlich Karneval feiern zu können. Es braucht nicht die globalen Katastrophen und die Weltpolitik, um schier bodenlose Verzweiflung zu fühlen. Aber mit der Zeit hat sich die Einsicht (erneut) Bahn gebrochen, dass nichts besser wird, aber wirklich gar nichts, wenn ich in meiner Traurigkeit vereinsame. Ich habe den Karneval auch hier nicht genutzt, um mich wegzuducken. Sondern als Bewältigungsstrategie. Nicht trotz meines Leids, sondern wegen des Leids. Der Frage, wieso Gott Böses zulässt, wird oft mit der Begründung begegnet, dass der Mensch frei ist und das heißt auch frei, Böses zu tun und anderen Leid zuzufügen. Ist es Ihnen zu gewagt, wenn ich sage, Karneval setzt auch auf die menschliche Freiheit, nämlich die, der Not und dem Leid auf der Welt mit Gemeinschaftssinn, Frohsinn und Hoffnung zu begegnen? Ich jedenfalls möchte das glauben. Was glauben Sie? // Daniel Bertram Trotz Kriegen und Krisen Karneval feiern
Johanna Marin Foto: Anja Schlender Heidi Klimmasch bereitet die Wahl vor. Erstmals wählen die Pfarreigremien im Bistum Magdeburg Vertreter für den „erweiterten Bistumsrat“, in dem nun Ehrenamtliche aus allen Pastoralregionen Kirche mitgestalten. Seit sechs Jahren kreist das Wort „synodal“ durch katholische Medien und Gesprächsrunden. „Synode“ stammt aus dem Griechischen und lautet übersetzt „gemeinsamer Weg“. Das erklärte Ziel ist, dass sich Menschen in der Kirche gemeinsam auf den Weg machen, das Evangelium zu verkünden. Das Bistum Magdeburg will diesen gemeinsamen Weg nun einschlagen. Bischof Gerhard Feige plädierte dafür, „im Hören aufeinander und auf das Evangelium nach dem Weg der Kirche zu fragen und das Evangelium in unserer Zeit zu leben“. 2022 beschlossen die Mitglieder des Bistumsrates, in Anlehnung an einen Textentwurf des Synodalen Weges, die Idee eines Synodalrates umzusetzen. Daher wird der bereits seit 2008 existierende Bistumsrat ein „erweiterter Bistumsrat“. Erweitert, nicht im Sinne von „mehr“, sagen die Wahlausschussvorsitzenden Heidi Klimmasch und Stephan Werner, sondern im Sinne von „vielfältiger“. Wo bisher fast ausschließlich Hauptamtliche tätig waren, werden nun auch 14 gewählte Ehrenamtliche mit beraten und entscheiden. Die insgesamt 40 Mitglieder des Rates besprechen unter anderem pastorale Perspektiven, Gremienstrukturen und Personal- sowie Finanzplanungen, die das gesamte Bistum betreffen. Dabei ändert sich nicht nur die Zusammensetzung des Rates, erklärt Heidi Klimmasch, sondern auch die Kompetenz: „Der bisherige Bistumsrat war eher in beratender Funktion tätig. Der erweiterte Rat soll auch Mehrheitsbeschlüsse fassen.“ Der Bischof setzt die Entscheidungen in Kraft. Zusammensetzung und Aufgabenbereiche des neuen Rates wurden vom alten Bistumsrat selbst erarbeitet und nach Rücksprache mit anderen Gremien und Räten im Bistum beschlossen. Auch die Gremienkonferenz der Ehrenamtlichen konnte Änderungsvorschläge einbringen. Der Entstehungsprozess war nicht immer einfach, erzählt Heidi Klimmasch, da unter anderem viele der Hauptamtlichen nun nicht mehr selbst im Bistumsrat sitzen werden. Für den Rat konnten Katholiken ab 16 Jahren kandidieren, die nicht hauptamtlich im Bistum arbeiten. „Bitte ermutigen Sie Frauen und Männer, die Freude haben am Glauben und Leben in der Kirche und Mitverantwortung übernehmen wollen“, hieß es im Aufruf an die Gemeinden zur Wahl. Die Pfarreigremien wählen per Briefwahl bis zum 1. März ihre ehrenamtlichen Vertreter. Dem Rat, der sich am 5. April konstituieren wird, gehören außerdem der Bischof, der Generalvikar sowie Vertreter anderer katholischer Gruppierungen wie Ordensgemeinschaften und Caritas an. Auch Jugendverbände und Pfarreien sollen Jugendliche in den Rat entsenden. Außerdem werden zwei anders-muttersprachliche Personen in den Rat berufen, um die Perspektive anderer Nationalitäten einbringen zu können. Heidi Klimmasch hofft, dass dieser erweiterte Bistumsrat eine neue Dynamik ins Bistumsleben bringt: „Ich wünsche mir, dass die Mitglieder Impulse der Menschen aus den Pfarreien und Gemeinden einbringen und neue Ideen entwickeln.“ Erweiterter Bistumsrat im Bistum Magdeburg
Dorothee Wanzek Foto: shutterstock/FamVeld Mit Kindern über die kleinen Wunder der Natur staunen – für die Görlitzer Umweltbeauftragte Gabriele Kretschmer ein Hoffnungszeichen im Heiligen Jahr. Die Umweltbeauftragte des Bistums Görlitz rückt im Heiligen Jahr die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus erneut in den Blick. „Pilger der Hoffnung“ sein und Schöpfung bewahren, gehört zusammen, findet sie. Sie bringen das Jahresmotto des Heiligen Jahres, „Pilger der Hoffnung“, in Verbindung mit Papst Franziskus’ Enzyklika „Laudato Si’“. Warum? Beide Ideen sind ja Ideen von Papst Franziskus. Noch wichtiger ist mir: Beides ist gar nicht voneinander zu trennen. Wir Christen sind doch immer Pilger durch unser Leben. Unser Markenzeichen, die Hoffnung, begleitet uns auf diesem Weg, der uns durch die Schöpfung und zu den Menschen führt, denen wir begegnen. Ich wüsste kein Argument, das dagegen spricht, im Heiligen Jahr der Hoffnung unseren Blick auf die Schöpfung zu richten. Was könnten Gemeinden oder einzelne Christen tun, um in diesem Jahr Hoffnungszeichen für die Schöpfung zu setzen? Ich begegne vielen Menschen, die meinen, alles im Leben selbst in der Hand zu haben und regeln zu können. Hoffnung verbreitet dagegen, wer das Staunen neu lernt und mit der Bereitschaft durch die Natur geht, sich von Gott überraschen zu lassen und zu staunen. Dafür muss man nicht weit weg fahren. Vielleicht entdecken Sie in dieser grauen Zeit in einem nahegelegenen Park die ersten aufkeimenden Knospen und staunen über dieses Wunder. Fragen Sie in Ihrer Gemeinde, wer Lust hat auf einen Spaziergang durch die Natur. Packen Sie sich etwas zu essen ein und ziehen Sie gemeinsam los! Sehen Sie die Kinder und Jugendlichen in Ihrer Umgebung nicht nur als Ärgernis, freuen Sie sich an ihnen, lassen Sie sich von ihnen inspirieren! Gerade die Jüngeren beginnen oft noch so ganz frei von Vorurteilen fröhlich ihr Tagewerk und staunen über kleine Dinge. Wichtig scheint mir auch, dass man es sich selbst schön macht. Auch wer allein lebt, kann sich morgens ein Licht anzünden oder einen Spruch aufschreiben, der ihn den Tag über begleiten und stärken kann. Wer sich gut um sich selbst kümmert und es sich ein bisschen schön macht, der wird vielleicht auch seiner Nachbarin freundlicher begegnen. Ihm werden Kleinigkeiten einfallen, mit denen er andere erfreuen kann. Was hat Ihre ganz persönliche Hoffnung in der vergangenen Woche gestärkt? Ganz unverhofft bin ich in diesen Tagen Menschen begegnet, die wie ich auch Hoffnungsmenschen sind – ältere und ganz junge. Es gibt mir Hoffnung zu spüren, dass ich nicht allein unterwegs bin. Sehr bestärkend ist für mich auch das Gebet, mein Vertrauen, dass Gott uns nicht fallen lässt. Das prägt mich sehr, auch wenn ich manchmal den Eindruck habe, dass uns gerade alles über dem Kopf zusammenfällt. Umweltschutz passt zum Heiligen Jahr 2025
Lissy Eichert Die Veranstaltung war fair und sachlich geplant. Wir hatten alle sechs Direktkandidaten aus Neukölln eingeladen. Es sagten alle zu – auch die AfD. Es sollte eine Podiumsdiskussion vor der Wahl werden, mit Publikumsbeteiligung. Lissy EichertPastoralreferentin in Berlin Ja, es gab große Bedenken einiger Gemeindemitglieder, die die Ausladung der AfD forderten. Andere Gruppen wollten gar nicht erst kommen. Aber wir wagten es gemäß der Jahreslosung: „Prüft alles und wählt das Gute!“ (vgl. 1 Thess 5,21) Dann sagten drei Kandidaten wieder ab. Zwei von ihnen, weil sie nicht zusammen mit der AfD auf ein Podium steigen. Das war das Aus der Veranstaltung. Wähler und Wählerinnen wurden irritiert und verärgert zurückgelassen. Nur die AfD zog Profit, stellte die anderen Parteien als feige hin. Sind wir feige? Ist Ausgrenzung ein Triumpf für die Demokratie? Ausgrenzung hat bisher nicht dazu beigetragen, dass die in Teilen rechtsextremistische Partei irgendwie schrumpft – ganz im Gegenteil. Christliche Streitkultur kann sich in der Auseinandersetzung mit schweren Positionen bewähren. Wie also geht christlich streiten? Mit Nächstenliebe. Klingt blöd, oder? Angstfrei. Weil Angst dazu führt, irrational zu denken und zu handeln. Respektvoll. Ich will nicht selbst einem toxischen Gedankengut verfallen und meinerseits Verfechtern extremer Positionen die Menschenwürde absprechen. Mich beeindruckt, dass Jesus mit Zöllnern (Kollaborateure der Besatzer) gegessen und geredet hat, worüber sich viele aufgeregt haben. Aber diese Begegnung mit Jesus hat das Verhalten der Menschen geändert! Widerständig. Jesus scheute den Konflikt nicht. Manchmal ist es hart, mit Nächstenliebe in den Konflikt zu gehen. Ich möchte glauben, dass wir jetzt, nach der Wahl, keine Angsthasen sind. Sondern, dass Jesus uns den Rücken stärkt, wenn wir mutig versuchen, richtig zu streiten. Anstoß 05/2025
Ruth Weinhold-Heße Foto: Philipp Herfort Photography Das Große Zittauer Fastentuch hängt im Original in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Zittau. Eine Kopie des Großen Zittauer Fastentuchs wird bis Ostern den Altar einer Kirche in Chemnitz verhüllen. Das Projekt ist ein Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr 2025. Die Geschichte des ist Tuchs ein Wunder. „Das Ungesehene sehen“ – das ist das Motto der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025. Katholiken ist dieser Gedanke nicht fremd: Seit Jahrhunderten üben sie ein, wie man etwas neu sehen kann, wenn man es eine Zeitlang verdeckt: mit Fastentüchern. Die meist einfachen violetten Tücher verdecken von Aschermittwoch bis Ostern den Blick auf den Hochaltar oder das Kreuz – und verhüllen das, was bekannt ist. „Wir greifen diese Tradition bewusst auf, weil sie dafür sorgt, dass wir einen neuen Blick erhalten“, sagt Ulrike Lynn. Sie ist Beauftragte der Katholischen Kirche für die Kulturhauptstadt Chemnitz 2025. In der Passionszeit solle so auch ein „Fasten der Augen“ praktiziert werden. Dafür kommt jetzt ein besonderes Kunstwerk nach Chemnitz: das Große Zittauer Fastentuch. Weil das Original nicht reisen darf – es ist zu alt und zu wertvoll – wird eine originalgetreue Kopie den Altar der Kirche St. Joseph verhüllen. „Das Große Zittauer Fastentuch ist über acht Meter hoch und fast sieben Meter breit. Da kam eigentlich nur eine Kirche infrage“, erklärt Ulrike Lynn die Wahl des katholischen Gotteshauses. Szene vom Letzten Abendmahl auf dem Großen Zittauer Fastentuch. Foto: imago/epd Die riesige textile Bilderbibel stammt aus dem Jahr 1472 und ist damit über 550 Jahre alt. Sie zeigt 90 Bilder mit Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament in zehn Reihen zu je neun Bildfeldern. Jedes ist 65 mal 65 Zentimeter groß und mit einer sich reimenden frühneuhochdeutschen Textzeile versehen. Umrahmt werden die Bildtafeln von einer 50 Zentimeter breiten Bordüre, die mit Pflanzen- und Tierornamenten geschmückt ist. Im Gegensatz zu den noch älteren gestickten Tüchern wurde das Zittauer Fastentuch gemalt. In Deutschland ist es das Einzige dieser Art, das noch erhalten ist. Der Historiker Volker Dudeck aus Zittau nennt das Tuch, das seit 1999 in der sächsischen Stadt im Dreiländereck zwischen Deutschland, Tschechien und Polen ausgestellt ist, „ein einzigartiges Zeugnis mittelalterlicher Frömmigkeit“. Als Direktor der Städtischen Museen setzte er sich 1990 für die Restaurierung der 17 Stofffetzen ein, von denen er ahnte, dass sie eine Kostbarkeit sind. Mit Blick auf das marode Abwassernetz und kaputte Straßen erntete er aber vom Zittauer Bürgermeister nur die lapidare Antwort: „Wer soll das denn bezahlen? Wir haben ganz andere Sorgen.“ Die Restaurierung hätte mindestens eine halbe Million D-Mark gekostet, doch die war im Stadthaushalt nicht übrig. Dudeck gab die Hoffnung nicht auf. Am Ende wurde das Große Zittauer Fastentuch unentgeltlich in einer Werkstatt in der Schweiz restauriert. Doch das ist nicht das einzige Wunder. Dudeck ist sich sicher, „dass da jemand die Hand drüber gehalten hat“. Etwa in der Reformation: Obwohl Martin Luther gegen den Gebrauch von Fastentüchern und ähnlichem „päpstischen Gaukelwerk“ wetterte, wurde es bis 1672 liturgisch genutzt. Es überlebte Brände und Kriege.  Ausdrucksstarke Bilder mit Witz Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es fast sein Ende. „Im Februar 1945 brachte man es vorsorglich auf der nahegelegenen Burg Oybin in Sicherheit. Dort fanden es sowjetische Soldaten, zerrissen es und benutzten die Stoffteile als Wand- und Deckenverkleidung einer provisorisch im Wald errichteten Saunahütte, wodurch es zu gravierenden Beschädigungen und Farbverlusten kam“, schreibt Dudeck in der Festschrift zum 550. Jubiläum des Tuchs. Diese Stofffetzen im Wald fand nach Kriegsende ein Zittauer, der wusste, was er da vor sich hatte. In der DDR-Zeit konnte man die Fetzen zumindest reinigen. Aber erst Mitte der 1990er Jahre wurden sie mithilfe der Abegg-Stiftung im schweizerischen Riggisberg restauriert und wieder zusammengefügt. Dudeck ist überzeugt, dass die Renaissance der Fastentücher und überhaupt der Fastenzeit „wesentlich“ mit dem Großen Zittauer Fastentuch zusammenhängt. Er freut sich, dass das Große und das ebenfalls ausgestellte Kleine Zittauer Fastentuch nun eine Brücke zwischen den Städten schlagen: Denn Zittau hatte sich ebenfalls um den Titel Kulturhauptstadt beworben. Auch der katholische Propst Benno Schäffel ist an der Initiative Kulturkirche 2025 und am Fastentuch-Projekt beteiligt. Er schwärmt: „Mit welcher Ausdruckskraft und zum Teil mit welchem Witz die Szenen dieser Armenbibel dargestellt sind!“ Er möchte gerade die Bilder aus dem Neuen Testament, die mit am besten erhalten sind, in seine Gottesdienste und Fastenmeditationen einbinden.   Kulturkirche 2025
Stefan Meetschen Foto: kna/Stefan Meetschen In der DDR war Mathias Laminski Koch, in den 1990ern ging er als Priester nach Brasilien. Heute pflegt er in seiner Berliner Pfarrei das Andenken an NS-Opfer. Der neue Vize-Generalvikar des Erzbistums Berlin tut die Dinge aus Leidenschaft. Am Anfang gab es nur die Asche und eine Zahl: Über 1380 Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft waren auf dem Städtischen Berliner Friedhof Altglienicke bestattet worden. Niemand kannte ihre Namen, ihre Geschichten. Man wusste nur, dass die meisten im KZ Sachsenhausen ihr Leben verloren hatten und aus unterschiedlichen Nationen stammten. Dank akribischer Forschung sind diese Toten inzwischen identifiziert worden und ihrer wird jedes Jahr am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, auf dem Friedhof gedacht. Diese Erinnerung ist Mathias Laminski, dem Pfarrer der Pfarrei Sankt Josef in Treptow-Köpenick, zu dessen Pfarrbezirk der Friedhof gehört, ein Herzensanliegen. Der 59-Jährige leitet seit 2020 die Gedenkfeierlichkeiten und ist selbst „Gedenkpate“ eines jungen Mannes aus Polen, der als eines dieser Opfer auf dem Friedhof seine letzte Ruhe gefunden hat. „Ich kenne seinen Namen, sein Alter und ich frage mich oft, was er für Träume und Wünsche hatte, bevor er gewaltvoll aus diesem Leben gerissen wurde“, sagt Laminski im Gespräch. „So etwas darf nie wieder geschehen!“ Politik oder Priestertum Dabei weiß der Pfarrer, der seit Januar auch stellvertretender Generalvikar ist, also Vize-Verwaltungschef des Erzbistums Berlin, allzu gut, wie es sich anfühlt, in einer Diktatur zu leben. 1965 kam er in Brandenburg an der Havel zur Welt. Viele seiner Familienmitglieder lebten damals in der Nähe von Danzig, andere waren nach Westdeutschland geflüchtet. Doch seine Großeltern hatten sich für Brandenburg entschieden – katholisch und innerlich nicht angepasst an das sozialistische Regime. Laminski sagt, er selbst habe in diesem Kontext früh das kirchliche Leben als Freiraum für sich entdeckt: „Auf der Schule gab es viele kommunistisch ideologisierte Lehrer, die über den christlichen Glauben herzogen, doch für mich war der Glaube stets ein Halt. Die Kirche ist für mich Freiheit.“ Er sagt das ruhig und auf ganz selbstverständliche Art, die selten geworden ist. Die Idee, Priester zu werden, kam ihm während der Lehre als Koch, Mitte der 80er Jahre. Da hatte er bei verschiedenen Familienurlauben auch schon die Gewerkschaft Solidarność aus der Nähe kennengelernt und war begeistert von den Umbrüchen in Polen. Laminski verhehlt nicht, dass er während der Zeit der Friedlichen Revolution 1989/90 daran dachte, in die Politik zu gehen. Doch er entschied sich anders: An seinem 30. Geburtstag im Juni 1995 wurde er von Kardinal Georg Sterzinsky in Berlin zum Priester geweiht. Brasilien, Fußball und queersensible Seelsorge Bald zeigte sich, dass Laminskis Sehnsucht nach Brasilien größer war, als in Berlin und Umgebung im Einsatz zu sein. Schneller als Sterzinsky es kommen sehen konnte, hatte sich der Geistliche auf eine Farm nahe der Metropole Belo Horizonte abgesetzt, um drogenabhängigen Straßenkindern auf der „Fazenda da Esperança“ (Farm der Hoffnung) neue Perspektiven zu verleihen. Sieben Jahre machte Laminski das. Die letzten Jahre mit ausdrücklicher Genehmigung des Kardinals, der ein Dekret verfasst hatte. Zu Beginn der 2010er Jahre hatte Laminski den Eindruck, wieder zurückkehren zu müssen nach Berlin und Brandenburg. Fast elf Jahre leitet er inzwischen die Pfarrei in Köpenick, doch seine Aktivitäten spannen sich weiter. Als Fan des Fußballclubs Union Berlin engagiert er sich auch sozial für den Verein, beim Rundfunk Berlin-Brandenburg hält er regelmäßig für die Hörer die Morgenandachten. Dazu kümmert er sich um queersensible Seelsorge im Erzbistum – wissend, dass man diese Menschen längst verloren habe, wie er sagt. Dabei unterstreicht der leidenschaftliche Jogger, dass er nicht viel vom „Institutionalisieren“ hält. Menschen, Netzwerke, persönlicher Kontakt – darauf setzt er. Nicht auf Papier, Ordner und Akten – bei aller Bewunderung für Menschen, die damit umgehen können. Wieso er trotzdem als sehr guter Organisator gilt und deshalb zum Vize-Generalvikar berufen wurde, kann Laminski nicht erklären. Es scheint ihm einfach gegeben zu sein, so wie sein Glaube und sein positives Bild von der Kirche. Denn als Ort der Freiheit versteht er die Kirche nach wie vor. Diese Freiheit strahlt er auch aus. Pfarrer Mathias Laminski ist Vize-Generalvikar des Erzbistums Berlin
Eckhard Pohl Foto: Eckhard Pohl Bischof Ulrich Neymeyr, hier neben einem Bild des heiligen Franziskus der Künstlerin Hildegard Hendrichs. Neymeyr schätzt Franziskus. Auch 2040 wird es thüringenweit kirchliche Orte geben, in denen die Gläubigen zusammenkommen können, sagt der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr. Jetzt gilt es, dafür die richtigen Weichen zu stellen. Herr Bischof, zu Beginn des neuen Kirchenjahres haben Sie in einem Hirtenwort von anstehenden Weichenstellungen im Bistum Erfurt gesprochen. Worauf kommt es dabei besonders an? Wir werden zunehmend weniger Mitarbeiter, Kirchenmitglieder und Geld haben. Entsprechend müssen wir unsere Kräfte konzentrieren. Dabei gilt es, das kirchliche Leben in den Gemeinden und anderen Orten möglichst zu erhalten und zugleich vielen Menschen das Evangelium anzubieten – durch niedrigschwellige Angebote, aber auch durch Hilfs- und Qualifizierungsangebote für Ehrenamtliche. Als Gründe für das Kleinerwerden von Kirche hierzulande werden oft der Missbrauch oder Corona genannt. Welche Ursachen sehen Sie darüber hinaus? Menschen wollen heute ihr Leben nach ihren individuellen Wünschen gestalten. Das gilt auch für die Religion. Sie suchen, was ihnen gut tut und nehmen das wahr. Gottesdienstbesuch gehört oft nicht dazu. Viele möchten sich nicht an Institutionen binden. Aber es gibt unter den Einheimischen auch eine Gotteskrise. In einer Welt, in der alles machbar scheint, wird Gott für viele bedeutungslos. Zudem fragen sich Menschen angesichts von Leid und Katastrophen, wo Gott ist. Gleichzeitig sehnen sie sich nach Halt, Trost und Zuversicht. Weihnachten wird das besonders deutlich. Kirchenferne entdecken dann Tröstendes in den christlichen Riten. Gelingt es, das Evangelium zeitgemäß zu verkünden? Welche Schwierigkeiten sehen Sie? Weil Jesus die Botschaft von Gottes Liebe in Geschichten und Zeichenhandlungen verkündet hat, ist dies zu allen Zeiten möglich. Hier können wir von Jesus lernen, nämlich mit Worten zu sprechen, die die Menschen, auch Nichtchristen, verstehen. Das Evangelium muss aber immer auch durch die Tat weitergetragen werden. Dies geschieht, wenn sich Menschen zum Beispiel für andere einsetzen, etwa für Flüchtlinge. Dieser Einsatz allein ist schon ein Bekenntnis für das Evangelium, gerade in dieser Zeit, in der das Thema Migration stark polarisiert. Stimmt der Eindruck, dass es unter den kirchlich Verantwortlichen hierzulande viel Hilflosigkeit angesichts der kleiner werdenden christlichen Gemeinden gibt? Im Bistum Erfurt sehen wir sehr realistisch, dass wir als Christen eine Minderheit sind. Nach der Friedlichen Revolution gab es etliche Ansätze, etwa durch Ordensleute, verstärkt das Evangelium zu verkünden, was kaum gelungen ist. Die Kirchen sind jedenfalls nicht voller geworden und auch die Zahl der Berufungen für ein gottgeweihtes Leben schnellten nicht in die Höhe. Für uns ist das gegenwärtig Mögliche leicht beschrieben: Wir werden künftig vielleicht noch 20 Pastoralteams haben, die wir situationsgerecht einsetzen müssen. Ja, es gibt eine gewisse Hilflosigkeit. Um es mit dem Weisheitslehrer Kohelet zu sagen: Es ist nicht schön, eine Zeit des Niederreißens gestalten zu müssen. Aber wir versuchen, es verantwortungsbewusst zu tun, etwa, indem wir Akzente setzen. Zum Beispiel bekam das Heiligenstädter Elisabeth-Gymnasium, das bald in einen Neubau in Leinefelde umzieht, einen Regelschulzweig. Oder: In jedem unserer sieben Dekanate soll es einen Jugendreferenten geben. Fehlt es möglicherweise an einer Theologie und Spiritualität, mit dem Niedergang geistlich umzugehen? Jesus ist nicht davon ausgegangen, dass die ganze Welt christlich ist: Das Gleichnis vom Senfkorn etwa ist nur vor dem Hintergrund einer kleinen Gemeinschaft verständlich. Uns in der Diaspora war schon immer das Jesuswort bewusst: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Das sollten wir uns vielleicht in den Gemeinden immer wieder in Erinnerung rufen. Im Spätherbst fand im Bistum erstmals ein Diözesanforum statt. Genügt dieser Austausch auf Augenhöhe, um beim Ringen um richtige Entscheidungen ein angemessenes synodales Miteinander zu pflegen? Ich hätte mich gefreut, wenn mehr Christen daran teilgenommen hätten. Aber ich sehe auch die begrenzten zeitlichen Ressourcen ehrenamtlichen Engagements. Zudem haben Ehrenamtliche nur einen begrenzten Blick auf das ganze Bistum. Deshalb wollen wir zusätzlich zu Diözesanforen auch in den Dekanaten zu synodalen Foren einladen. Außerdem soll im Januar 2026 erstmals eine gemeinsame Werkwoche für Priester, Diakone und Gemeindereferentinnen und -referenten stattfinden. In den Pfarreien Arnstadt, Erfurt-Nord und Sömmerda laufen derzeit Pilotprojekte in Sachen Gemeindeleitung. Ist das die Zukunft? Die Projekte laufen gut. In Arnstadt mit einer Gemeindereferentin als Pastoraler Pfarrbeauftragten und einem Verwaltungspfarrbeauftragten und Hochschulseelsorger. Ebenso in Erfurt-Nord und Sömmerda, wo ein Diakon die Pfarrei leitet, jeweils mit einem Priester als Kooperator. Doch auch diese Modelle haben ihre personellen Grenzen: Nicht jede Gemeindereferentin, jeder Gemeindereferent kann sich vorstellen, eine Pfarrei zu leiten. Wie steht es um den gemeinsamen Auftrag als Kirchen? Gilt es, enger zusammenzurücken? Das ökumenische Miteinander in Thüringen ist auch dank einer lebendigen Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen vielfältig und vor Ort längst gängige Praxis. Manches ist aber ausbaufähig. Wir Katholiken schauen zum Beispiel: Wo ist die evangelische Kirche etwa im Bereich der Diakonie präsent, wo wir es nicht mehr sein können und vielleicht auch nicht müssen. Sehr gut funktioniert die Ökumene im Bereich der Klinikseelsorge, wo wir viel kooperieren. Wohin steuert die Kirche in Thüringen? Die Gläubigen in Thüringen werden auch 2040 die Sakramente empfangen können, das Evangelium wird verkündet. Kirchliche Orte werden neben Gemeinden auch Schulen, Kitas und andere karitative Einrichtungen sein. Teilweise werden sich die Katholiken aber ein Stück auf den Weg machen müssen, um zu solchen Orten etwa zur Feier der Eucharistie zu gelangen. Auf jeden Fall weiß sich die Kirche angesichts der Zusage Gottes nie allein und ist wie jedes ihrer Mitglieder eine Pilgerin der Hoffnung. Bischof Ulrich Neymeyr spricht über Kirchenentwicklung im Bistum Erfurt
Johanna Marin Foto: shutterstock/Luis Rojas Estudio Thomas Lösche ermutigt Christen, die im Bistum Magdeburg Jugendliche begleiten, spielerisch durchs Leben zu gehen – weil Jesus es genauso tat. Mit spielerischer Leichtigkeit… wer wünscht sich das nicht? Beim Lernen, beim Schreiben, beim Sport – wie schön ist es, wenn Aufgaben leicht von der Hand gehen und man danach zufrieden und ein klein wenig stolz darauf zurückblicken kann. Thomas Lösche, der über viele Jahre hinweg für die „Gestaltende Verkündigung“ der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands zuständig war, plädiert dafür, das Leben ein wenig leichter zu nehmen und spielerisch vorwärts zu gehen. „An vielen Stellen des Neuen Testaments spielt Jesus das Leben durch“, sagt der Referent, der oft mit Jugendlichen gearbeitet hat und sich im Zuge dessen auch mit Spielen und vor allem mit „Spiel“ in der Bibel auseinandersetzte. Als Beispiel nennt er die Gleichnisse und Frage-Antwort-Runden, in denen Jesus spielerisch die Botschaften verbreitet, die ihm ernst sind. Außerdem weist er auf die Hochzeit zu Kana hin, zu der Jesus mehr Wein schuf, als die Gäste in einer Woche hätten trinken können. Nicht etwa, um sich kopflos zu besaufen, sondern um den Anwesenden ein schönes Fest zu ermöglichen. Er war sehr diesseitig, attestiert Thomas Lösche dem Heiland. Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: „Dass die ganze Schöpfung permanent spielt, ist der Wille Gottes“, sagt der Referent. Gott habe mit spielerischer Schöpferkraft die Erde geschaffen. Deshalb sei das schöpferische Spiel die göttlichste Eigenschaft des Menschen. Wir sind dazu berufen, uns mit dem Heiligen Geist durch das Leben zu spielen, denn, so steht es im zweiten Brief an die Korinther: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ Freiheit, Friede und Spiel gehören zusammen, sagt Thomas Lösche und zitiert den frühmittelalterlichen Dichter Notker Balbulus: „Hier unter deinem Weinstock, Christus, spielt in Frieden deine ganze Kirche.“ Wenn Kinder wieder auf den Plätzen der Stadt spielen, dann ist Frieden, lässt es sich auch bei Sacharja in der Bibel interpretieren. Deshalb habe Jesus auch die Pharisäer kritisiert, so Lösche. „Ihr spielt ja nur noch im 16-Meter-Raum und nicht mehr auf dem ganzen Spielfeld“, würde er ihnen heute vielleicht sagen. Denn sie sind seiner Einladung zum Leben nicht gefolgt, sondern waren Spielverderber, meint der Referent im Hinblick auf Lukas 7: „Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt.“ Eine Vielfalt an spielerischen Formen stellt er hingegen, historisch gewachsen, bei der katholischen Kirche fest und findet, dass die Katholiken gut feiern könnten. Nicht nur zu Fasching und bei Bier werde es laut und bunt. Auch die katholische Liturgie sei vor allem eins: Ein Spiel mit Farbe, Musik, Gewändern und – Regeln. „Übergangszeiten haben oft die gleichen Symptome“ Regeln brauche es auch im Leben. Erst innerhalb eines Regelwerks gelangten wir Menschen zur vollen Freiheit, sagt Thomas Lösche. Ein begabter Fußballer zum Beispiel könne sein Talent nur einsetzen, weil es Richtlinien gibt, in denen er sich bewegen kann. Auch Jugendliche müssen, damit sie von der Kindheit aus in eine neue Freiheit starten können, in Regeln gehalten sein. Ein Paradoxon, erklärt der erfahrene Jugendreferent, doch nur so könnten Jugendliche mit Grenzen spielen. Thomas Lösche ist evangelischer Diakon und arbeitete in der „Gestaltenden Verkündigung“ der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands. Er ist seit rund 50 Jahren ehren- und hauptamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit tätig.Foto: Privat In der Pubertät befindet man sich in einem permanenten Zustand des Übergangs. Diese Zeiten des Umbruchs finden sich auch in der Gesellschaft wieder. Heute sind es Klimawandel, Krieg und Künstliche Intelligenz. Zur Zeit der Reformation waren es die kleine Eiszeit, der Türkenkrieg und der Buchdruck, sagt Lösche. Er sehe da momentan viele Parallelen: „Übergangszeiten haben oft die gleichen Symptome.“ Auch die Bibel sei ein Buch der Übergänge. 40 Jahre Auszug aus Ägypten, die Jünger ziehen mit Jesus mit… derlei Beispiele gibt es viele. Während sich diese Zeiten der Übergänge in der Menschheitsgeschichte mit Zeiten der Ruhe abwechseln, befinden Jugendliche sich immer in einer Zeit des Umbruchs. Sie seien zutiefst verunsichert, spielen vieles durch und probieren sich aus, sagt Thomas Lösche. Sie gehen ins Leben. Und jeder Schritt berge das Wagnis, zu fallen. Dabei sei Wagnis bei Weitem nicht dasselbe wie Risiko. Ein Risiko ist ungeplant und kopflos, findet der Referent und vergleicht es mit S-Bahn-Surfen. Ein Wagnis hingegen will geplant und vorbereitet sein – es hat ein Ziel. Reinhold Messners Bergexpeditionen zum Beispiel seien ein geplantes Wagnis gewesen, oder die Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus. Jugendliche gehen mit jedem Schritt in Richtung Leben ein Wagnis ein. „Ich habe in meiner Arbeit versucht, Jugendliche immer wieder dazu einzuladen, die Bibel als eine Anleitung zum spielerischen Wagnis des Lebens zu sehen“, so Thomas Lösche. Dabei gehe es stets darum, miteinander zu spielen. Spiel sei immer ein soziales Ereignis, sagt er. Und: die spielerische Form ist nachhaltig. „Weil sie zum persönlichen Erlebnis wird“, weiß der Referent aus Erfahrung. Die Informationen, die Jugendliche sich im Spiel erarbeiten, erhalten einen persönlichen Bezug, weil sie sich mit Haut und Haar darauf einlassen müssen. Nichts muss so bleiben, wie es ist. Das ist gleichzeitig die Botschaft von Spielen und die Botschaft der Bibel, so Thomas Lösche. In der Bibel wandle sich das Kreuz vom Zeichen des Todes zu einem Zeichen des Lebens. „Sie ist voll von solchen Umkehrungen“, sagt er und schlägt vor, es ein Leben lang wie die Kinder zu machen: selbstvergessen und hingebungsvoll spielen, sich dem Glauben mit so hoher Konzentration widmen, wie Kinder es beim Spielen tun. „Wir spielen ja eh ständig“, sagt der Referent. Schon die Entscheidung, wo man sich in der Straßenbahn hinsetzt, sei ein Gedankenspiel. Und für gewöhnlich, stellt Thomas Lösche fest, entscheidet man sich am Ende für den Platz, an dem man den größten Spielraum hat. Spiele spiegeln immer auch das Leben wider, und umgekehrt, sagt er, und empfiehlt, sich ab und an mal auf den Kopf zu stellen… „Dann sieht die Welt anders aus!“ Jugendpastoral spielerisch gestalten
Foto: imago/epd Das Thema Migration ist aktuell in aller Munde. Durch die Politik gab es dabei aber eine deutliche Verschiebung der Herangehensweise. Doch es darf nicht nur um Abwehr gehen. Selten ist ein Thema in einem Bundestagswahlkampf so aggressiv diskutiert worden wie das Thema Migration zu Jahresbeginn 2025. Dass es eine beherrschende Rolle spielen würde, war absehbar. Ohne Erfolg hatten Bundesregierungen jahrelang versucht, illegale Migration nach Deutschland einzudämmen. Länder, Kommunen und Landkreise sehen sich zunehmend überfordert, die Folgekosten einer ungesteuerten Migration zu schultern. Während die CDU/CSU-Opposition unter Friedrich Merz am 29. Januar einen Fünf-Punkte-Antrag „für sichere Grenzen und das Ende der illegalen Migration“ mit Hilfe der AfD-Fraktion durchsetzte, scheiterte sie zwei Tage später mit einem „Zustrombegrenzungsgesetz“. In beiden Fällen hatte Merz – gegen alle vorherigen Zusicherungen – die Unterstützung durch die AFD bewusst in Kauf genommen, was als Tabu-Bruch und Desaster für die Demokratie von vielen scharf kritisiert wird. Das Ziel des Staates, über geeignete Mittel für Sicherheit und Ordnung an den Grenzen sorgen zu können, ist legitim, träfe aber mit den beabsichtigten Regelungen unterschiedslos alle Migranten. So sieht der Fünf-Punkte-Plan die Zurückweisung aller Personen vor, die keine gültigen Einreisedokumente vorweisen können. Das soll auch für Personen gelten, die Asyl beantragen wollen – ein rechtlich inakzeptables Vorgehen. Im Zentrum der Debatte über ein Migrationsgesetz, die jetzt zu führen ist, muss die Frage stehen, wie die Balance zwischen der Sicherheit des Staates und den Sicherheitsbedürfnissen von Menschen auf der Flucht am besten gewährleistet werden kann. Die aggressive Tonlage in der überhitzten Debatte der letzten Wochen ist gefährlich. Bezeichnend ist, dass nur noch von „Migration“ die Rede ist, nirgends aber von „Integration“ der Geflüchteten in die Gesellschaft. Als im Herbst 2015 das Wort „Willkommenskultur“ die Runde machte, war die große Mehrheit der Deutschen bereit, offen auf die Ankömmlinge zuzugehen und ihnen zu helfen, sich in Deutschland  zurechtzufinden. Die Zivilgesellschaft organisierte aus dem Stand eine gigantische Flüchtlingsshilfe. 2025 offenbart das Wort-Monster „Zustrombegrenzungsgesetz“ in entlarvender Offenheit das genaue Gegenteil: Es geht nur noch um Abwehr. Politiker schämen sich nicht, Fluchtmigranten, die es bis Deutschland geschafft haben, mit maximaler Unhöflichkeit schon in der Überschrift darauf hinzuweisen, dass sie eine unerwünschte Erscheinung an den deutschen Grenzen sind. Deshalb sind die Kirchen in der Frage der Migration gerade jetzt zu erhöhter Wachsamkeit aufgefordert, geht es doch um ein Herzstück ihrer christlichen Identität. In der Erzählung vom Weltgericht lesen wir: „Ich war ein Fremder, und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäusevangelium 25,35) Gegen viele Widerstände sollen wir neu lernen, diesem biblischen Blick auf die Fremden zu folgen. In einer Situation, in der Migranten nur noch unter dem Aspekt betrachtet werden, wie wir sie möglichst schnell wieder loswerden, brauchen wir neue Formen von Willkommenskultur. // Joachim Garstecki, ehemaliger Generalsekretär von Pax Christi Gastbeitrag zum Thema Migration im Bundestagswahlkampf 2025
Christina Innemann Heute ist der Tag, an dem wir unser Familienweihnachtsgeschenk einlösen. Deshalb sitzen wir in einer Zaubershow. Die beiden Magier sind recht bekannt. Gegen Ende der Show wird eine Geschichte erzählt, die mich sehr berührt. Christina InnemannKatholische Polizeiseelsorgerin in Mecklenburg-Vorpommern Es geht um Träume, die man nicht aufgeben soll. So wie das Fliegen, das als Inbegriff der Leichtigkeit nun dem staunenden Publikum vorgeführt wird. Ich sitze im Dunkeln und weine hemmungslos. Einerseits, weil ich als Seelsorgerin häufiger erlebe, dass genau diese Formel nicht für Jede und Jeden gilt: „Du musst nur fest an deine Träume glauben, dann kannst du fliegen.“ Manche Personen haben keine Kraft, Neues auszuprobieren. Einige haben solch starke Schicksalsschläge erlebt, dass sie schon stolz auf sich sind, wenn sie morgens aufstehen können. Ich vermute, dass die Ermutigungs-Geschichte der Zauberer in diesen Fällen fast zynisch wirken kann. Andererseits, weil ich davon überzeugt bin, dass das Festhalten an Träumen und die damit verbundene Ermutigung trotzdem elementar für uns Menschen ist. Was wären wir, wenn es nicht ab und an gelingen würde, Neues zu wagen? So eine Welt stelle ich mir trostlos vor. „Die Auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ (Jesaja 40,31) Dieses Bibelwort verstehe ich als Zusage: Wenn ich mich Gott öffne, schenkt er mir Kraft. Das wird nicht alles Leid verschwinden lassen. Aber es verleiht uns vielleicht eine Ahnung davon, was Gottes Liebe vermag. Das wünsche ich denen, die am Boden kleben und ihre eigene Leichtigkeit vermissen. Vielleicht reicht es nicht bei jedem für ein Schweben viele Meter über dem Erdboden – aber für einen kleinen Hüpfer. Und wer eine Hand frei hat, könnte ja jemanden mitnehmen, der Unterstützung benötigt. Das wäre schön. Anstoß 04/2025

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